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Wie werden Gebetszeiten berechnet? Astronomie, Methoden und Unterschiede

Zwei Apps, zwei verschiedene Zeiten für das Morgengebet – das ist kein Fehler, sondern Folge unterschiedlicher Berechnungsmethoden. Hier erfahren Sie sachlich, welche astronomischen Größen dahinterstehen.

Aktualisiert: 5 Min. Lesezeit

Die fünf täglichen Gebetszeiten im Islam sind an den Lauf der Sonne gebunden: an Morgendämmerung, Mittag, Nachmittagsschatten, Sonnenuntergang und Einbruch der Nacht. Weil sich diese Ereignisse mit Ort und Jahreszeit verschieben, ändern sich die Zeiten täglich. Heute werden sie fast immer astronomisch berechnet. Unterschiede zwischen Kalendern und Apps entstehen nicht durch Rechenfehler, sondern durch verschiedene Konventionen – vor allem bei der Dämmerung. Dieser Ratgeber erklärt die Grundlagen neutral und ohne religiöse Bewertung.

Die astronomischen Grundlagen

Für jede Berechnung braucht man den Ort (geografische Breite und Länge), das Datum, die Zeitzone und die Sonnenposition. Daraus ergeben sich:

  • Sonnenhöchststand (wahrer Mittag): wenn die Sonne genau im Süden steht. In Deutschland je nach Ort und Jahreszeit etwa zwischen 12:00 und 12:45 Uhr MEZ bzw. 13:00 und 13:45 Uhr MESZ.
  • Sonnenaufgang und -untergang: wenn der obere Sonnenrand den Horizont berührt. Wegen der Lichtbrechung in der Atmosphäre rechnet man mit einer Sonnenhöhe von etwa −0,833°.
  • Dämmerung: definiert über einen Winkel der Sonne unter dem Horizont. Je größer der Winkel, desto dunkler ist es – und desto früher liegt die Morgendämmerung bzw. desto später die Abenddämmerung.

Die fünf Zeiten und ihre Definition

Gebet Astronomische Definition (vereinfacht)
Fadschr (Morgen) Sonne erreicht einen festgelegten Winkel unter dem Horizont vor Sonnenaufgang (je nach Methode 15°–19,5°)
Sonnenaufgang Ende der Fadschr-Zeit
Dhuhr (Mittag) Kurz nach dem Sonnenhöchststand
Asr (Nachmittag) Schatten eines Stabes erreicht eine festgelegte Länge
Maghrib (Abend) Sonnenuntergang
Ischa (Nacht) Sonne erreicht einen festgelegten Winkel unter dem Horizont nach Sonnenuntergang (je nach Methode 15°–18°) oder fester Abstand zu Maghrib

Asr: zwei Schattenregeln

Für Asr gibt es zwei verbreitete Auffassungen:

  • Standard (Schafiitisch, Malikitisch, Hanbalitisch): Asr beginnt, wenn der Schatten eines Gegenstands so lang ist wie der Gegenstand selbst plus dessen Schatten zur Mittagszeit.
  • Hanafitisch: Der Schatten muss doppelt so lang sein wie der Gegenstand plus Mittagsschatten.

Die hanafitische Asr-Zeit liegt dadurch später – in Mitteleuropa je nach Jahreszeit etwa 30 bis über 60 Minuten.

Die wichtigsten Berechnungsmethoden

Methode Fadschr Ischa Verbreitung
Muslim World League (MWL) 18° 17° Europa, Teile Asiens und Amerikas
Diyanet (Türkei) 18° 17° Türkei, viele türkischstämmige Gemeinden in Europa; zusätzliche Sicherheitszuschläge (Temkin)
ISNA (Nordamerika) 15° 15° USA, Kanada
Ägyptische Vermessungsbehörde 19,5° 17,5° Ägypten, Teile Afrikas und Nahost
Umm al-Qura (Mekka) 18,5° 90 Minuten nach Maghrib (im Ramadan 120) Saudi-Arabien, Golfstaaten
University of Islamic Sciences, Karachi 18° 18° Pakistan, Indien, Bangladesch

Ein Grad Unterschied macht in Mitteleuropa schnell 5–10 Minuten aus, im Sommer noch mehr. Zwischen ISNA (15°) und der ägyptischen Methode (19,5°) können beim Morgengebet im Sommer weit über eine Stunde liegen.

In unserem Rechner für Gebetszeiten können Sie Methode und Asr-Regel wählen und so nachvollziehen, woher Unterschiede kommen.

Hohe Breitengrade: das Sommerproblem in Deutschland

Die Sonne erreicht um Mitternacht ihren tiefsten Stand. Wie tief, hängt von der Breite und der Jahreszeit ab. Zur Sommersonnenwende gilt näherungsweise:

Tiefster Sonnenstand = −(90° − Breite − 23,44°)
Ort Breite Tiefster Sonnenstand am 21. Juni
Zürich 47,4° N ca. −19,2°
München 48,1° N ca. −18,4°
Frankfurt am Main 50,1° N ca. −16,4°
Berlin 52,5° N ca. −14,0°
Hamburg 53,6° N ca. −13,0°

Das heißt: In Berlin und Hamburg sinkt die Sonne im Juni nie 18°, 17° oder auch nur 15° unter den Horizont. Die Dämmerung endet die ganze Nacht nicht – Fadschr und Ischa sind nach dem reinen Winkelkriterium nicht definiert. Daher verwenden Kalender Ersatzregeln, etwa:

  • Nachtmitte: Die Nacht (Sonnenuntergang bis -aufgang) wird halbiert; Ischa spätestens bzw. Fadschr frühestens zur Mitte.
  • Siebtel der Nacht: Ischa beginnt ein Siebtel der Nacht nach Sonnenuntergang, Fadschr ein Siebtel vor Sonnenaufgang.
  • Winkelbasierte Regel: Der Anteil der Nacht ergibt sich aus dem Dämmerungswinkel ÷ 60 (bei 18° also 18/60 = 0,3 der Nacht).
  • Bezugsbreite oder Bezugsdatum: Man übernimmt Zeiten eines südlicheren Ortes oder eines Tages, an dem der Winkel noch erreicht wird.

Diese Regeln führen im Sommer zu besonders großen Abweichungen zwischen Kalendern. Welche Regel gilt, ist eine Festlegung der jeweiligen Gemeinde oder Behörde.

Weitere Gründe für Unterschiede

  • Sicherheitszuschläge: Manche Kalender addieren einige Minuten zu Dhuhr und Maghrib oder ziehen sie von Sonnenaufgang ab.
  • Höhe über dem Meer: Auf Bergen geht die Sonne später unter; die meisten Kalender berücksichtigen das nicht.
  • Ortswahl: Eine Stadt erstreckt sich über mehrere Kilometer; ein Längengrad Unterschied entspricht 4 Minuten.
  • Rundung: Auf die volle Minute auf- oder abgerundet.
  • Beobachtung statt Berechnung: Einige Gemeinden prüfen die Dämmerung auch durch Beobachtung.

Islamischer Kalender

Der islamische (Hidschri-)Kalender ist ein reiner Mondkalender mit 354 oder 355 Tagen. Monatsbeginne werden je nach Land durch Mondsichtung oder Berechnung festgelegt (z. B. Umm-al-Qura-Kalender in Saudi-Arabien), weshalb Ramadan und Feiertage regional um einen Tag abweichen können. Daten umrechnen können Sie mit dem Hidschri-Kalender-Umrechner.

Wie Sie Zeitspannen zwischen zwei Kalenderdaten korrekt zählen, erklärt der Ratgeber Tage zwischen zwei Daten berechnen.

Zusammenfassung

  • Gebetszeiten folgen dem Sonnenstand; berechnet werden sie aus Ort, Datum und Konventionen.
  • Unterschiede entstehen vor allem durch Dämmerungswinkel, Asr-Regel und Ersatzregeln für hohe Breiten.
  • In Deutschland gibt es keine einheitliche Methode; der Kalender der eigenen Gemeinde ist die übliche Referenz.
  • Im Sommer sind die Unterschiede in Norddeutschland am größten.

Häufige Fragen

Warum zeigen verschiedene Apps unterschiedliche Gebetszeiten?

Sie verwenden unterschiedliche Sonnenwinkel für Fadschr und Ischa, unterschiedliche Asr-Regeln, Sicherheitszuschläge oder Regeln für hohe Breitengrade. Abweichungen von 10 bis über 60 Minuten sind möglich.

Welche Methode wird in Deutschland verwendet?

Es gibt keine einheitliche Methode. Moscheegemeinden orientieren sich je nach Verband und Herkunft etwa am Kalender der türkischen Religionsbehörde Diyanet oder an der Methode der Muslim World League. Maßgeblich ist der Kalender Ihrer Gemeinde.

Warum ist Ischa im Juni in Norddeutschland so spät oder gar nicht berechenbar?

Nördlich von etwa 48,6° Breite sinkt die Sonne um die Sommersonnenwende nicht mehr 18° unter den Horizont. Dann greifen Ersatzregeln wie die Nachtmitte oder das Siebtel der Nacht.

Ist dieser Ratgeber eine religiöse Empfehlung?

Nein. Er erklärt ausschließlich die astronomischen und rechnerischen Grundlagen. Religiöse Fragen klären Sie mit Ihrer Gemeinde oder einer Gelehrten bzw. einem Gelehrten Ihres Vertrauens.

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